Mama, bin ich eigentlich Ossi oder nur Sachse? Unser ureigenster Tag der Einheit.

Manchmal, da verblüffen einen Kinder ja mit ihren Ansichten und Meinungen.
Sie halten einem stets und ständig gnadenlos den Spiegel vor und rebellieren in Situationen, die wir Eltern so gar nicht nachvollziehen können.
Ist natürlich auch klar. Wegen des blinden Fleckes.
Kennt ihr doch, den blinden Fleck?
Dieses Areal in uns selbst, welches wir nicht so gern betreten. Wo wir jetzt nicht ganz so ehrlich drüber nachdenken und uns damit auseinandersetzen. Diese dunkle oder graue Zone, in die wir so ziemlich alles hinein geschoben haben, was nicht in unser grandioses Erwachsenen-Dasein passt.
Und genau da, wo wir überhaupt gar keine Besucher haben wollen, genau da kommen uns unsere Kinder seelisch nah.
Sie haben den Anteil von uns selbst in sich drin, davon bin ich ganz fest überzeugt.
Sie kennen uns von Beginn ihres Lebens an intuitiv und kratzen genau dort, wo es uns so überhaupt nicht passt.

Spiegel der Seele
Zur Zeit führen meine Tochter und ich sehr viele Gespräche. Hey, ich bin total dafür, ich stehe auf Gespräche.
Es ist schließlich wichtig, auszudiskutieren, worum es geht im Leben.
Was bin ich für eine coole Mutter, die da denkt, es fördere das Demokratieverständnis bei unserem Nachwuchs, wenn sie sagen dürfen, was sie denken. Das ist Meinungsfreiheit, das geht schon seinen Gang so.
Ich habe mich persönlich sehr angestrengt in den letzten Jahren, um Gespräche zu fördern und zu fordern. In der Schulzeit – auch schon zu DDR-Zeiten (manche Lehrer erinnern sich wahrscheinlich bis heute lebhaft daran) – nach der Wendezeit, während der Berufsausbildung, bis heute.
Reden, reden, reden. Erklären. Und noch mehr erklären. Immer wieder. In der Familie und der Verwandtschaft, im Bekannten- und Freundeskreis, im beruflichen Bereich und in der Partnerschaft.
Wo es ging war ich dafür, Gespräche zu führen, Standpunkte zu vertreten, von anderen dasselbe zu erhoffen und dann Kompromisse zu finden.
Und so läuft es eben auch mit unserer Achtjährigen. Sie ist schlau, hat einen messerscharfen Verstand.
Sie interessiert sich für Politik, für Geschichte und sie saugt Mamas und Papas Einstellungen momentan in sich auf wie ein Schwamm.
Einmal kam sie mit der Frage nach Hause, ob Flüchtlinge wirklich alle Verbrecher seien. Dass sie sich das einfach nicht vorstellen könne. Manche vielleicht, aber alle?
Ein anderes Mal referierte sie im Auto über Erdogan, Assad, syrische Flüchtlinge und Terrorismus.
Nachzulesen in meinem privaten Blog unter “Die Syrer und wir” vom 24.04.2017.
Sie war auch gedanklich voll dabei, als die “Antifa” durch Wurzen marschierte.
Wir wollten an dem Tag mit dem Auto Richtung Kaufland fahren und mussten anhalten, weil sie aufgeregt rief: “Was ist dort los? Gehen wir es uns anschauen?” Den Artikel dazu findet ihr hier in meinem privaten Blog: Ich bin weder antideutsch noch rassistisch. Schubladendenken und Gewalt. Vom 22.01.2018
Oh ja, das ist schon ein besonderes Kind. Natürlich höre ich einige Leute schreien, dass ich eine Rabenmutter bin, weil ich sie mit “solchen Dingen” belaste. Das ist doch nicht kindgerecht.
Darauf hat unser Küken auch eine Antwort parat: “Na toll. Dann dürft ihr mich auch nicht mehr Logo schauen lassen.”
Das sind Kindernachrichten auf KIKA. Und ehrlich gesagt weiß ich gar nicht, für welches Alter diese Sendung bestimmt ist.
Auf jeden Fall ist das Demokratieverständnis unseres Kindes so ausgeprägt dass sie mir kürzlich an den Kopf flappte, sie schaue diese Nachrichten auch, um zu vergleichen.
“Was vergleichen?” knurrte ich sie in dem Moment an weil wir uns vorher eh schon gestritten hatten.
“Ob das, was ihr mir erzählt, auch stimmt!”
Bähm. Das saß. Es kratzte an diesem blinden Fleck, es rumorte. Ich war total gekränkt und verletzt.
Und im nächsten Moment war ich unsagbar stolz auf mein Mädchen. Spiegel der Seele.
Das ist gut, wenn sie sich ihre Gedanken macht – auch (oder gerade?) unabhängig von uns.
Hinterfragen ist immer gut.

Heute jedenfalls war nun Tag der Einheit in Deutschland
Und wir gingen Pilze sammeln.
Wir versuchten es zumindest, denn die hatten sich gut versteckt.
Nachdem mein Mann und ich früh schon einen Film über die Familie Krupp auf 3 Sat geschaut und wir dann alle zusammen eine leckere Nudelsuppe zum Mittag gegessen hatten, da dämmerte es unserem Kind irgendwie und sie fragte, weshalb heute eigentlich frei wäre. So mitten in der Woche.
Und ich antwortete eben, dass es der Tag der Einheit wäre.
“Der Tag, wo die DDR zur BRD wurde?”
Ich musste lachen. Es war von ihr nicht böse gemeint, aber ich empfand diese einfache Zusammenfassung irgendwie als sarkastisch.
“Die DDR wurde nicht zur BRD”, entgegnete ich fast trotzig und ich muss sagen, ich kam mir vor wie elf. In diesem Alter hatte ich vor dem Fernseher gesessen und fassungslos angeschaut, wie die Leute auf der Straße marschierten und “Wir sind das Volk riefen.”
Netterweise war meine Mutti nicht zuhause, ja nicht einmal in unserem Land, sondern in der BRD zu einer Geburtstagsfeier bei Verwandten. Mit meinem Vater konnte ich über die Geschehnisse damals nicht reden. Er redete im Gegensatz zu mir so gut wie nie über “solche” wichtigen Dinge.
Da ich ARD eingeschaltet hatte, konnte ich überhaupt mit niemandem darüber sprechen! Es war verboten, Westfernsehen zu schauen und obwohl es jeder tat, tat jeder so, als tue er es eben nicht. Das an sich war schon schizophren!
“Was wurde denn die DDR dann, die gibt es heute ja wohl nicht mehr!” feuerte mein Kind zurück.
Ich habe mich bei ihr entschuldigt und gesagt, dass sie eigentlich Recht hat. Dass es so im Großen und Ganzen stimmt. Dass nur ich es ein wenig anders in Erinnerung habe.
“Du meinst, dass nicht jeder zur BRD dazu gehören wollte?”
“Genau”, seufzte ich und lenkte ab.
Sie ist acht, meine Güte nochmal. Ich habe keine Ahnung wie sich andere Kinder in dem Alter mit solchen Themen herumschlagen. Mag sein, dass sie mit mir als Mutter allgemein viele Einblicke in die gesellschaftlichen Angelegenheiten hat. Ich bin schon eine Gesellschaftsbeobachterin. Bloggerin noch dazu. Und Journalistin.
Aber eben auch einfach eine Mami, die ihrem Kind so gern eine heile Welt zaubern möchte.

Mama, bin ich eigentlich Ossi oder nur Sachse?
Unsere Tochter ist wie alle anderen Kinder sehr gut darin, erst ein Thema anzuschneiden und kurz darauf schon mit intensivem Malen, Spielen oder Basteln beschäftigt zu sein.
Die Tragweite ist unserem Nachwuchs halt oft nicht so bewusst, es werden Fragen gestellt und es wird eifrig diskutiert….und dann kann sich seelenruhig schon wieder einem Muffin-Back-Rezept oder einer Figur aus Pappmaché oder den Puppen als Kindern zugewendet werden.
Zurück bleibt eine ziemlich aufgewühlte Mutter. Ich wünsche mir auch manchmal diese Unbefangenheit zurück, doch Erwachsene können ja oft nicht so schnell umschalten.
Und während Kind bereits eine Bastelbox am Wohnzimmertisch öffnete, stand ich immer noch in der Küche.
Ich brauchte kurz einen Moment, in mich hineinzuhorchen, wieso mich dieses Wiedervereinigungsthema nach den vielen Jahren immer noch zu Tränen rührt. Da schwingt nicht nur Euphorie mit. Auch Enttäuschung und Schmerz, Angst und Unsicherheit.
“Sind eigentlich alle aus der DDR Ossis?”
Kind lehnte im Türrahmen und ich fühlte das erste Mal an diesem Tag so etwas wie ein richtiges Genervtsein. Oder war es Unmut? Ich – die immer reden wollte über alles – spürte tatsächlich, wie etwas in meinem blinden Fleck rumorte. Ihr erinnert euch, in diesem dunklen Areal, dem, wo keiner drin herumstochern sollte.
Es gibt eben auch Bereiche der Seele, da tut so ein Herumkramen irgendwie weh. Es schmerzt viel mehr, als man vielleicht wahrhaben will. Deshalb schiebt man es noch viel weiter ins Nirgendwo, dieses …dieses…also dieses “was man nicht definieren kann” Hauptsache weg aus dem Alltag.
Doch Kinder haben das Recht auf Antworten. Kinder sollen graben dürfen und Erwachsene sollen eigentlich souverän genug sein, sich regelmäßig selbst zu reflektieren! Dann vielleicht tut nichts im Verborgenen weh!
“Ja im Grunde genommen schon!” antwortete ich ihr.
Ich mag den Begriff eigentlich nicht so. Früher hieß es ja “Ostler” und “Westler”. Nach der Wende haben wir irgendwie den Ostfriesen ihren Spitznamen geklaut. “Zonis” waren wir aber auch schon mal.
Und wie fühle ich mich? Eigentlich als Wossi. Ja gute Idee. Wossi ist irgendetwas dazwischen – ein Zwischenwendeprodukt oder so. Ein Vergangenheits-Zukunfts-Konstrukt.
“Dann bin ich eigentlich kein Ossi, Mama! Ich kenne keine DDR. Nur was der Trabbi ist, weiß ich. Und Burratino. Von dir halt. Aber ansonsten….bin ich nur Sachse.”
Ach, Mäuschen, wenn du wüsstest, was das zur Zeit bedeutet. Toll, nun heulte ich schon wieder.
Wohin soll die Reise nur noch gehen? Eigentlich mochte ich heute das erste Mal weder reden noch philosophieren noch analysieren noch irgendwie “vergangenheitsbewältigen.”
Und so verkroch ich mich unter meiner Wolldecke und wir schauten einen Zeichentrickfilm.
“Sherazade” mit einer orientalischen Prinzessin und einem verwunschenen Prinzen in Blaufellmonster-Gestalt – und ich freute mich über meinen Flachbildschirm und die erstklassigen Farben.
Früher war alles schwarz-weiß. Vielleicht nicht nur im TV.

Beitragsbild mit freundlicher Unterstützung von alegria2014 auf Pixabay

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