Felix Kummer: 9010 – Dieser Song geht unter die Haut
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Felix Kummer: 9010 – Dieser Song geht unter die Haut

KOMMENTAR
#Chemnitz.
Die Essenz des Songs “9010”von Kraftclub-Frontmann Felix Kummer:
Karl-Marx-Stadt in der DDR, das heutige Chemnitz. Postleitzahl 9010, damals. Diktatur, Struktur, Vorgaben.
Während der Zeit des Mauerfalls und der Transformation in ein geeintes Deutschland Wandel, Gewalt, Radikalisierung rechtsextremer. Jugendliche Subkultur.
Hip Hopper Felix Kummer, Frontmann der Band “Kraftklub” schildert seine ganz persönliche Sicht auf die erlebten Situationen in seiner Biografie im Zusammenhang mit der Entwicklung der gewalttätigen Nazi-Szene während und nach der Wendezeit.
Dabei zieht er im Zusammenspiel von Bildmaterial und Liedtext einen so weiten emotionalen Interpretationsbogen, dass dieser Song sehr emotional und tief geht und zum Nachdenken anregt.
Die Gedankenkette reicht vom Untergang der scheinbar geordneten, funktionierenden DDR bis zum gesetzlichen Vakuum nach der Wende – Nährboden für viele kreative Prozesse, aber eben auch sehr schlechte Entwicklungen.
Vor allem, was die Gewalt auf der Straße zwischen den (Nachwende-)Jugendlichen anbetrifft, ist diese Zeit so gut wie jedem hier im “Osten” sehr gut in Erinnerung.
Als 16-Jähriger während der Wendezeit in Chemnitz einer Hip Hop Crew anzugehören und als “Schwuchtel” beschimpft zu werden, ist ganz sicher auch typisch für die Neunziger Jahre in anderen neuen Bundesländern.
Womit sich kaum jemand befasst, obwohl sich jeder im Grunde erinnert:
Es gab nicht nur Beleidigungen, sondern massive Gewalteinwirkung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich wahrscheinlich selbst irgendwie orientieren mussten in dem neuen System und sich Gruppierungen anschlossen, die allgemein als “rechts” wahrgenommen wurden.
Grüne Bomberjacken, Springerstiefel mit weißen Schnürsenkeln und kurze Haare bis hin zum rasierten Schädel, diese Meute an Jungs gab es überall und sie waren laut, wütend und brutal.
Da konnte es schon passieren, dass ein Hip-Hopper wegen seines Musikstils (beleidigend “Affen- oder Negermusik” von den rechtsextremen Neonazis genannt) mit Blut im Mund den Krankenwagen rufen musste.
“Den Bordstein zu fressen bekommen” war so eine Redewendung, für die, die gejagt wurden und “dran” waren.

Felix rappt:
“Es war nie ein Kampf / wir sind immer nur gerannt”
Das trifft auf viele Leute zu, die damals vor lauter Angst nicht wussten wohin. Auch vor Mädchen wurde kein Halt gemacht. Es gab Szenarien, bei denen bis zu zehn oder mehr “Faschos” sich auf ein oder zwei “Gegner” stürzten und diese dann so zusammengetreten wurden, dass sie sich nicht mehr rühren konnten, bis hin zu sehr gravierenden gesundheitlichen Folgen.
In dem Song sieht Felix einen dieser Peiniger von damals wieder und die Reaktion auf diesen inzwischen armselig anmutenden Typen ist zwiespältig:
“Ich würd‘ gern mit dem Finger auf dich zeigen / schaut ihn euch an, dieses dumme Stück Scheiße / aber nein, jetzt nach all der Zeit / nach all den Jahren / tust Du mir auf einmal leid”.
Dieser besoffene Typ, der früher mal “Zecken klatschen” ging, hockt besoffen an der Tanke und ist sehr weit entfernt von seinen einstigen treuen “Kameraden.”
Doch er steht in dem Lied als Sinnbild für Chemnitz und die Etappen einer einstigen Jugend-Subkultur, die ihren eigenen Weg ging, während die Elterngeneration weder verstand noch helfen konnte.
Die Zeit war geprägt von einem gewaltigen Umsturz, sowohl politisch, als auch gesellschaftlich und wirtschaftlich.
Und der ABV regelte das eben nicht mehr.
Der gesamte Polizeiapparat war ohnehin überfordert zu der Zeit.
Felix Kummer legt mit diesem Song den Finger in eine sehr tiefe ostdeutsche Wunde.
Es mag sein, dass sie oberflächlich zuwuchs.
Jedoch sie bricht immer wieder auf und eitert.
Gerade jetzt, wo Neonazis öffentlich auf den Straßen demonstrieren, wie stark und gut vernetzt sie sind, kommen die Erinnerungen an die Gewaltexzesse auf offener Straße in den Neunzigern wieder hoch.
Das sind regelrechte Flashbacks und fast alle Gedankenschleifen beginnen mit dem Rückblick in die letzten Jahre der DDR.
Diese Geschehnisse des gesetzlich luftleeren Raums (Das Alte galt nicht mehr und das Neue noch nicht) der Wendezeit gepaart mit hoher Arbeitslosigkeit, Gewalt, Verunglimpfung der DDR-Bürger und der schillernden Welt des “Westens” hängt unmissverständlich in der Assoziationskette miteinander zusammen wie ein großes posttraumatisches kollektives Ereignis.
Die Musik zu dem Song kommt übrigens von Rheinländer Patrick Kowalewski, eher bekannt unter seinem Künstlernamen Blvth (gesprochen: “Blut”), einem der Erfolg versprechendsten neuen deutschen Produzenten in der Szene der Elektromusik.
Unter anderem steuerte er für das letztjährige Casper/Marteria-Album das Stück “Absturz” bei.
Der Beat zu “9010” ist sehr gut umgesetzt und bringt dem Stück eine unglaubliche Emotionalität, es erzeugt Gänsehaut auf dem Rücken und unterstreicht sehr passend den Text.
Dieser Rapsong erinnert an eine Zeit, über die einfach niemand öffentlich spricht.
Tabu Wende einer vergessenen Jugend: “Born to be Opfer”.
Oder wie ein Youtuber kommentiert: “Das ein krasser Song. Spiegelt das wieder, was man hier in Sachsen jeder Tag sieht.”

Schubert Text & Medien

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