Weihnachtspyramide, Räuchermännchen und Schwibbogen. Weihnachtsland Sachsen.

Weihnachtspyramide, Räuchermännchen und Schwibbogen. Weihnachtsland Sachsen.

Schwibbogen, Weihnachtspyramiden und Räuchermännchen gehören im Osten Deutschlands zur Weihnachtszeit einfach dazu.
Doch viele der hiesigen Weihnachtstraditionen haben ihren Ursprung in Sachsen.
Ohne das Erzgebirge mit seiner traditionellen Holzkunst und Spielzeugherstellung wäre Sachsen wohl nicht bekannt als Weihnachtsland.
Von hier aus verbreitete sich das weihnachtliche Brauchtum deutschlandweit.
Machen wir einen kleinen Ausflug in die Anfänge der Weihnachtsbräuche.

Das Erzgebirge und die Bräuche rund um den Bergbau
Kein Landstrich hat die sächsischen Gewohnheiten so geprägt wie das Erzgebirge.
In Christiansdorf, dem heutigen Freiberg, wurde im 12. Jahrhundert Silber gefunden und
dieses Ereignis gab dem Erzgebirge seinen Namen.
Mit dem „ersten Berggeschrey“ kamen viele fränkische Siedler und Bergleute nach Christiansdorf und ließen sich dort nieder.
Das große „zweite Berggeschrey“ fand Jahrhunderte später in und um Annaberg-Buchholz statt.
Fest steht, dass zahlreiche Traditionen der Gegend bis heute auf die Arbeit im Bergbau zurückzuführen sind, der bis 1990 eine wichtige Branche in der Region und Garant für einen sichereren Arbeitsplatz war.
Sehr charakteristisch sind die brauchtümlichen Bergparaden, bei denen die Bergmänner im historischen Bergmannshabit – der traditionellen Kleidung der Bergleute – den Beruf und die Rangklassen in der Öffentlichkeit durch einen Aufmarsch repräsentieren.
Mittlerweile laufen bei den Aufzügen auch Frauen und Kinder mit, damit das Brauchtum trotz Abwanderung einer ganzen Generation im Osten erhalten und gewahrt bleibt.
An der Spitze der Bergmannsaufzüge reitet der Oberberghauptmann mit Säbel und Steigerhäckchen voran.
Dieser Brauch findet zu verschiedenen feierlichen Anlässen statt, ganz besonders festlich jedoch zur Vorweihnachtszeit.

Das Holzschnitzen
Im 17. Jahrhundert kam jedoch noch ein anderer Wirtschaftszweig in der Gegend hinzu, für den besonders viel Holz gebraucht wurde.
Das Erzgebirge lieferte dafür genügend Rohstoffe und so hauchten die ersten erzgebirgischen Handwerker dem Holz auf kunstvolle Art Leben ein.
Regionale Holzkünstler schnitzen und formen auch heute noch in liebevoller Detailarbeit kleine Tannenbäumchen oder Waldbewohner wie Eichhörnchen oder Rehe.
Auch Engel, Weihnachtsmänner und andere bezaubernde Figürchen erwachen in manchen Familien um die Weihnachtszeit jedes Jahr aufs Neue, um Fenster und Tische feierlich zu schmücken.
Ob das Reifendrehen in Seiffen oder die Weihnachtsfiguren aus Grünhainichen – das Erzgebirge ist mittlerweile weit über die Grenzen Sachsens und Deutschlands hinaus für seine filigrane Holzkunst bekannt geworden.

Schwibbogen
Der halbrunde Lichterbogen, der bis ins 20. Jahrhundert hinein oft aus Metall bestand, hat seinen Ursprung ebenfalls im sächsischen Erzgebirge.
Die einen sind der Ansicht, er sei dem Mundloch eines Stollens nachempfunden, während andere darin den Lauf der Sonne sehen. Noch vor Sonnenaufgang gingen die Bergleute unter Tage und erst nach Sonnenuntergang war ihre Schicht beendet.
So sollten sie sich an dem wunderbaren Licht des Schwibbogens erfreuen und gleichzeitig ihre schwere Arbeit im Bergbau geschätzt werden, denn es zeigt das Warten der Familie auf die Bergmänner.
Seit dem 20. Jahrhundert sind die Schwibbögen auch immer öfter aus Holz gefertigt worden und mittlerweile gibt es davon wiederum abgewandelte Fensterbilder aus Holz mit Beleuchtung.

Räuchermännchen
Kein Weihnachten ohne Räuchermännel – wir Sachsen können einfach nicht ohne.
Diese witzigen Männlein gibt es seit dem 19. Jahrhundert und sie werden bis heute im Erzgebirge hergestellt.
Im Bauch der Männchen findet sich Platz für die passenden Räucherkerzchen, die nach Tannenduft oder Weihrauch riechen.
Im Inneren der Holzfigur brennt die Räucherkerze ab und der Rauch tritt über Mundloch oder Pfeife des Räuchermännchens aus.
Im Erzgebirge heißt die Figur übrigens “Raachermannl” und hat sich weit über Sachsen hinaus verbreitet.
Das Räuchern hat seinen Ursprung wahrscheinlich in heidnischen Bräuchen. In der Zeit der Raunächte wurden so böse Geister vertrieben.
Es gibt in erzgebirgischer Mundart dazu auch ein bekanntes Lied: Wenn is Raachermannl nabelt (Wenn das Räuchermännchen räuchert)
Hier meine Lieblingsversion, gesungen von einem Jungen in Olbernhau 2009. (nicht ganz perfekt, aber trotzdem schön) 😉

Lichterengel und Bergmann
Der schwere und gefährliche Bergmannsberuf unter Tage führte zu einigen Traditionen, die die Sehnsucht des Bergmannes nach dem Licht ausdrückt.
So gibt es zwei weihnachtliche Figuren, die ganz besonders in der erzgebirgischen Region jedes Jahr in den Fenstern von Anwohnern zu bewundern sind.
Der Lichterengel steht dabei für das Licht, was dem Bergmann jederzeit geleuchtet wird, damit er nach Feierabend den Heimweg findet.
Mich erinnert das Paar auch an Mann und Frau, an treue Eheleute, die dem harten Alltag trotzen und ewig zusammenhalten.
Lichterreich ist das sächsische Weihnachten ohnehin. Wer in der Weihnachtszeit durch Sachsen fährt, wird kaum ein Haus ohne Schwibbögen und festliche Beleuchtung sehen.
Überlieferungen nach war es für einen Bergmann übrigens ungeschriebenes Gesetz, für jede Tochter einen Engel und für jeden Sohn einen Bergmann zu schnitzen, wenn er Vater wurde. Zur Weihnachtszeit wusste dann jeder, wie viele Kinder in der Familie leben.

Pyramide – der warme Lichterglanz
In Sachsen werden in der Weihnachtszeit die wundervollen Lichterpyramiden aufgestellt.
Sie drehen sich im Kreis wie ein Karussell, wenn die Kerzen angezündet werden.
Die aufsteigende Wärme bringt die Flügel der Pyramiden in Bewegung und kleine Engel, Bergleute oder Rehe laufen im Kreis.
Pyramiden gibt es sowohl für den Wohnzimmertisch als auch im Großformat in Vorgärten und auf Weihnachtsmärkten. Sie sind einfach wunderschön anzusehen und bringen viel Wärme und Gemütlichkeit in die Weihnachtszeit.

Weihnachtsberg
Wer aus dem Erzgebirge stammt, kennt diese bergähnliche Landschaft, die zu Weihnachten in der Stube (dem Wohnzimmer) aufgestellt wird. Dort sind sie auch am ehesten verbreitet und nicht in ganz Sachsen bekannt.
Weihnachtsberge werden aus Papier, Gips, Holz, Kunststoff und Pappmaché hergestellt und zeigen häufig die Bergwerke unter Tage oder Teile des Erzgebirges.
Heutzutage bewegen sich die Figuren im Weihnachtsberg oft und machen so die Geschichte der Region noch viel anschaulicher.
Dementsprechend hämmern fleißige Bergmänner im Bergwerk und zeigen ihre schwere Arbeit.
Es gibt aber auch andere Abbildungen, kleine Pyramiden oder christliche Geschichten von der Ankunft Jesu.
Früher bauten alle Familienangehörigen zusammen am Weihnachtsberg, bevor er aufgestellt wurde. Bereits im 18. Jahrhundert standen die ersten Bauwerke in den erzgebirgischen Wohnzimmern, davor gab es sie in viel größerer Ausführung nur in öffentlichen Räumen wie zum Beispiel Kirchen.

Hutznohmd und Hutznstub
Ebenfalls typisch erzgebirgisch und auch nur dort verbreitet sind die sogenannten “Hutznohmde” in der “Hutznstub”.
Abends trifft man sich vor allem in der Weihnachtszeit mit Freunden und Bekannten und isst zusammen in Gemütlichkeit regionale Speisen.
Das Hutzen ist wahrscheinlich abgeleitet vom erzgebirgischen Wort „haazen“, was heizen bedeutet.
Den Überlieferungen nach waren die Leute im Erzgebirge seit jeher fleißig, aber dennoch arm.
Um im Winter ein bisschen weniger heizen zu müssen und Holz sparen zu können, gingen sie zum Nachbarn in die warme Stube: Die Hutz`nstub.
Dort trafen sich alle, um zu klöppeln, zu schnitzen oder einfach in geselliger Runde zusammen zu sein.
So ging es reihum von Nachbar zu Nachbar und wurde irgendwann zum Brauch.
Das Klöppeln zählt zur erzgebirgischen Volkskunst und wird momentan sehr aktiv wiederbelebt, um das Brauchtum für nachfolgende Generationen zu erhalten.

Klöppeln von feiner Spitze
Das Klöppeln ist eine alte Handarbeitstechnik.
Hierbei wird feine Spitze durch das Kreuzen, Verknüpfen und Verdrehen von Fäden hergestellt, die auf sogenannte Klöppel (eine Art Spulen) gewickelt sind.
In Annaberg-Buchholz gibt es eine Klöppelschule, die das traditionelle Handwerk nicht in Vergessenheit geraten lassen will und zudem auch gleich Schnitzkurse anbietet. Sie trägt den Namen von Barbara Uthmann, einer sehr erfolgreichen Kauffrau (im Handel und der Herstellung von Spitzen) im Erzgebirge des 16. Jahrhunderts.

Speisen am Heiligen Abend
In Sachsen stehen am Weihnachtsabend in vielen Haushalten traditionell Wiener Würstchen und Kartoffelsalat auf dem Tisch, doch eine Ausnahme macht auch hier das Erzgebirge.
Eine etwas merkwürdig anmutende Zusammenstellung von neun verschiedenen Speisen nennt sich hier Neunerlei („Neinerlaa“) und steht symbolisch für Glück, Gesundheit, Geld oder Liebe.
Der Ablauf des Verzehrs scheint dabei egal zu sein, solange in Ruhe und Gemütlichkeit gegessen wird – ohne Zeitdruck und Stress.
Zum Neunerlei gehören in der Grundform auf jeden Fall Linsen oder Erbsen, Bratwurst, Sauerkraut, Hering oder Fischhappen mit Apfelsalat, Kartoffelsalat, Würstchen, Grütze- oder Hirsebrei, Hagebuttensuppe, Schweinebraten mit Klößen, Semmelmilch mit gehackten Nüssen, Brot und Salz und Backpflaumen.
Laut Volksglauben sollte man während des traditionellen Festessens vermeiden, aufzustehen und außerdem darauf achten, dass man alles verzehrt. Der Überlieferung nach würde man sonst im neuen Jahr bestohlen und vom Pech verfolgt. Ferner fänden die eigenen Hühner ihre gelegten Eier nicht wieder – wenn man denn Hühner besitzt.
Die symbolischen Wünsche des „Neinerlaa” sind:
Linsen oder Erbsen Segen und Kleingeld
Bratwurst Herzlichkeit und Kraft
Sauerkraut Gesundheit und eine gute Ernte, dass einem das Leben nicht sauer wird
Karpfen, Hering oder Fischhappen das große Geld
Kartoffelsalat, Würstchen Sparsamkeit
Grützebrei oder Hirsebrei dass das Geld nicht ausgeht
Holunder- oder Hagebuttensuppe Gesundheit
Gans, Schweine- Kaninchenbraten Glück, Wohlstand und reichlich Nahrung
Klöße Wohlstand, dass das Geld nicht ausgeht
Butter- oder Semmelmilch Gesundheit und schöne Haut
gehackte Nüsse guter Alltag und Stärkung der Familie
Brot und Salz Gastlichkeit und Herzlichkeit der Familie
Sellerie, -salat Potenz und Fruchtbarkeit
Backpflaumen Kompott für Freude am Leben
Pilze Freude und Glück
rote Rüben/ rote Beete Freude, Glück und Schönheit
Bratäpfel Gesundheit
Stollen Symbol für das gewickelte Christkind

Der Stollen in der Advents- und Weihnachtszeit
Zum weihnachtlichen Kaffeetrinken gehört in Sachsen traditionell der bekannte Christstollen, ein Gebäck aus Hefe und vielen anderen aromatischen Zutaten, unter anderem Rosinen. Bestreut mit Puderzucker, ist er an den Adventssonntagen auf so ziemlich jedem Tisch zu finden, auch über die Grenzen Sachsens hinaus.
Rezept und Form unterscheiden sich jedoch regional und erstmals urkundlich erwähnt wurde der Ur-Stollen gar nicht in Sachsen, sondern in Naumburg an der Saale.
Alte Schriftstücke Anfang des 14. Jahrhunderts beschreiben ihn als „Striezel“:
Ein Weizenstollen aus Weizenmehl, weil während des Adventsfastens in der damaligen Zeit weder Butter noch Milch verwendet werden durften.

Mitte des 15. Jahrhunderts baten Kurfürst Ernst von Sachsen und sein Bruder Albrecht den damaligen Papst Nikolaus V., das Butter-Verbot abzuschaffen. Der Papst kam dem Kurfürsten tatsächlich entgegen und erlaubte im sogenannten „Butterbrief“ die Verwendung der geschmackvollen Zutaten.
So gab der Naumburger Stollen dem Dresdner Striezelmarkt seinen Namen und bildete die Grundlage für den heutigen leckeren Dresdner Christstollen.
So verrückt ist das manchmal. 😉
Ich wünsche allen Lesern und ihren Familien, Freunden und Bekannten eine gemütliche Vorweihnachtszeit

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